Statistiken, oder auch: Die Wunderbare Welt der Manipulation

Statistiken sind eine fabelhafte Sache. Kaum ein Zitat trifft mehr den Kern als Churchills “Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast”. Dabei ist es nicht einmal nötig, Statistiken zu fälschen. Bereits die richtige “Beleuchtung”, die richtige Sichtweise auf einen Sachverhalt reicht oft aus. Die folgenden statistischen Aussagen z.B. sind vollkommen korrekt:

Warum man die Chemikalie Dihydrogenmonoxid verbieten sollte:

1. Sie verursacht starke Schweißausbrüche und Erbrechen.
2. Sie ist ein Hauptbestandteil von saurem Regen
3. Im gasförmigen Zustand kann sie zu starken Verbrennungen führen
4. versehentliches Inhalieren kann einen Menschen töten
5. Sie trägt zur Erosion bei
6. Sie verringert die Wirksamkeit von Bremsen in Automobilen
7. Sie wurde in Tumoren todkranker Krebspatienten nachgewiesen

Klingt doch alles sehr plausibel, oder? Also sollten wir tunlichst diese Chemikalie verbieten!

Ein Student in den USA hat eine gleichlautende Umfrage (O-Ton siehe hier) gestartet. Von 50 befragten Menschen erklärten sich 43 bereit, die Kampagne zur vollständigen Kontrolle von Dihydrogenmonoxid mit ihrer Unterschrift zu unterstützen, sechs Personen waren unentschieden.

Nur ein einziger wusste, dass Dihydrogenmonoxid nichts anderes ist als Wasser!

Noch nicht überzeugt? Okay, dann habe ich hier noch eine weitere Statistik (O-Ton siehe hier). Nicht alle Zahlenwerte sind vollständig korrekt, aber ich denke die Kernaussage kommt auch so rüber:

Warum man kein Brot essen sollte:

1. Mehr als 98% aller verurteilten Schwerverbrecher sind Brotkonsumenten.
2. Nicht weniger als die HÄLFTE aller Kinder, die in Brot konsumierenden Haushalten aufwachsen, erzielen in standardisierten Tests unterdurchschnittliche Ergebnisse.
3. Im 18. Jahrhundert, als Brot nahezu immer zu Hause gebacken wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei weniger als 50 Jahren; die Kindersterblichkeit war ausserordentlich hoch; viele Frauen starben bei der Entbindung, und Seuchen wie Typhus, Gelbfieber und Influenza wüteten in großen Landstrichen.
4. Mehr als 90% aller Gewaltverbrechen werden innerhalb von 24 Stunden nach dem Verzehr von Brot begangen.
5. Brot wird aus einer Substanz namens “Teig” gemacht. Es konnte nachgewiesen werden, dass man nicht mehr als ein Pfund Teig braucht, um eine Maus zu ersticken. Der durchschnittliche Amerikaner ißt mehr als das in einem einzigen Monat.
6. Primitive Stammeskulturen, die kein Brot kennen, weisen eine geringe Anfälligkeit für Krebs, Alzheimer, Parkinson und Osteoporose auf.
7. Eine süchtig machende Wirkung von Brot konnte nachgewiesen werden. Testpersonen, denen das Brot entzogen und nur Wasser zum essen gegeben wurde, flehten innerhalb von nur zwei Tagen um Brot.
8. Neugeborene können an Brot ersticken.
9. Brot wird bei Temperaturen von bis zu 200 Grad gebacken! Dermaßen hohe Temperaturen können einen erwachsenen Menschen in weniger als einer Minute töten.
10. Es konnte nachgewiesen werden, dass Brot Wasser absorbiert. Nachdem der menschliche Körper zu 90% aus Wasser besteht, folgt daraus, dass Ihr Körper von diesem wasserabsorbierenden Nahrungsmittel übernommen werden kann und Sie in einen glitschige, klebrige Brot-Pudding-Kreatur verwandelt werden.
11. Die Mehrheit der Brotkonsumenten sind nicht in der Lage, signifikante wissenschaftliche Daten von sinnlosem statistischem Gebrabbel zu unterscheiden.

Oder wie wär’s damit:

USA Today hat eine neue Umfrage veröffentlicht - anscheinend machen drei von vier Menschen 75% der Bevölkerung aus.

(USA Today has come out with a new survey - apparently, three out of every four people make up 75% of the population.)

Nun aber noch ein paar ernsthafte Gedanken zum Thema. Man hört in der Politik häufig (übrigens fast immer von den Unionsparteien, vor allem von der CSU) Aussagen, dass ein bestimmtes Gesetz / eine bestimmte Regelung nicht notwendig sei, da es nur eine Minderheit der Bevölkerung beträfe.

Als Beispiel soll hier unter anderem das Lebenspartnerschaftsgesetz (“Homo-Ehe”) dienen. Nach den Worten von Norbert Geis, dem rechtspolitischen Sprecher der Unionsfraktionen im Bundestag, besteht kein Bedarf für dieses Gesetz, weil nur 2 bis 2,8 Prozent der Männer bzw. 1,4 Prozent der Frauen homosexuell seien.

Ich könnte jetzt natürlich versuchen herauszustellen, dass die von Geis (übrigens ohne Quellenangabe) angegebene Statistik Blödsinn ist und sich nicht mit nahezu allen anderen Statistiken deckt, die ich zu diesem Thema kenne. Demnach wäre der Homosexuelle Anteil der Bevölkerung nämlich eher bei ca. 10%. Aber darum geht es auch gar nicht.

Nach Geis’ Definition ist das noch immer eine kleine Minderheit.

Mit dem Argument, ein Gesetz diene nur einer Minderheit, könnte man sehr viele wichtige Gesetze für überflüssig erklären. Ich denke da z.B. an die Verordnungen, dass öffentliche Einrichtungen behindertengerecht gestaltet werden sollen. Sind doch Behinderte nur eine kleine Minderheit, müsste man eigentlich zu dem Schluß kommen, dass diese Regelung für den Rest der Bevölkerung eine untragbare finanzielle Belastung darstellt.

Oder z.B. Gesetze, die den Sonderstatus von Bundestagsmitgliedern regeln. Mit etwas über 600 Mitgliedern (0,00075 % der Gesamtbevölkerung) sind die Bundestagsabgeordneten eine geradezu verschwindende Minderheit in Deutschland. Wieso sollte man sich die Mühe machen, für diese extra Gesetze zu erlassen?

Oder z.B. für die Arbeitslosen: Das sind gerade einmal knapp 6 % der Bevölkerung, also sogar weniger als die homosexuelle Minderheit in Deutschland. Na dafür brauchen wir ja dann keine Gesetze zu erlassen!

Tut mir Leid Herr Geis, aber da ist Ihnen ein kapitaler Denkfehler unterlaufen, nicht dass ich etwas anderes von Ihnen erwartet hätte.

Damit kommen wir dann auch schon zu dem Zitat, welches hier nahezu sämtliche Seiten ziert:

“Sanity is not statistical -- Being in a minority, even a minority of one, did not make you mad.” - George Orwell, “1984”

Mit welcher Legitimation wagt es Geis, den homosexuellen Lebenswandel als “pervers” zu bezeichnen?

Ja, die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht homosexuell. Allerdings gehen die Meinungen bereits wieder auseinander, wenn es darum geht, ob der heterosexuelle Teil der Bevölkerung die Mehrheit stellt oder nicht - manche behaupten nämlich, dass zu den 10% Homosexuellen noch 40 oder mehr Prozent Bisexuelle kommen, womit die Heterosexuellen dann in der Tat die Minderheit wären. Interessant wäre, diesen Gedanken weiter zu spinnen und dann dem Geisbock seine Argumentation darauf anzuwenden.

Aber darum geht es überhaupt nicht. Egal wer die Mehrheit stellt (*), das bedeutet nicht, dass die Mehrheit allein im Recht ist.

Die Entscheidung, was richtig und was falsch, was besser und was schlechter, was moralisch einwandfrei und was moralisch verwerflich ist, hat nicht aufgrund einer bloßen Statistik zu erfolgen.

Es gab Kapitel in der Menschheitsgeschichte, gerade auch in der der Deutschen, wo die Mehrheit klar im Unrecht war. Haben wir das schon vergessen? (**) Es kann durchaus eine verschwindend kleine Minderheit sein, die im Recht ist. Und dann gibt es - in sehr vielen Fällen - auch noch die Situation, dass es nicht um Recht und Unrecht geht, sondern einfach nur um unterschiedliche Meinungen. (***)

Geistige Gesundheit ist keine Frage von Statistik.

(*) “Whenever you find that you are on the side of the majority, it is time to pause and reflect.” - Mark Twain
(**) “If everybody is thinking alike, then somebody isn't thinking.” - Gen. George Patton
“Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle unrecht haben.” - Bertrand Russell
(***) “Absurdity, n.: A statement or belief manifestly inconsistent with one's own opinion.” - Ambrose Bierce, The Devil's Dictionary